Nach unseren Erfahrungen in der Vergangenheit begann man bald nach einem vereinten Europa zu rufen. Man wollte ein Europa, in dem die Nationen in Freundschaft verbunden sind, ein Europa, das nicht mehr durch fürchterliche Kriege zerstört wird, Kriege, die es an den Rand einer Katastrophe führen. Heute wird Europa von der NATO auf dem politischen Sektor geschützt und von der EG auf wirtschaftlichem Gebiet stabilisiert. Früher haben die Völker Europas ihre Situation nicht richtig erkannt. Zwei Weltkriege in 30 Jahren erzeugten viel Unrecht und Hass. Besonders Deutschland und Frankreich litten in der Vergangenheit unter dieser andauernden Feindschaft . Da man aus diesen Fehlern lernte, wurde die Bereitschaft zu einer Annäherung und Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland immer stärker. Die Politik einer aktiven Zusammenarbeit zwischen dem Präsidenten der französischen Regierung, General de Gaulle, und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer schuf im Jahre 1963 den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Als Folge dieses historischen Ereignisses begann man mit der Verschwisterung von Städten.
Im Jahr 1962 schrieb die Stadt Groß-Umstadt an den Rat der Gemeinden Europas, um Namen von Städten zu erhalten, die bereit wären, sich zu verschwistern. Man überprüfte Kontakte zu einer Tiroler und zu Woensdrecht , einer holländischen Stadt. Das Parlament der Stadt beschloss, eine Verschwisterung mit einer französischen Stadt anzustreben. Es gab schon die Adressen der Städte Revel, Saint-Raphael und Anglet, doch man vertagte zunächst die Entscheidung.
Einige Zeit später gab es eine Initiative durch die Stadt Saint-Péray. In Saint-Péray – die Stadt war ebenfalls Mitglied des Rates der Gemeinden Europas – hatte das Stadtparlament beschlossen, eine Verschwisterung mit einer deutschen Stadt durchzuführen.
Mit einem Brief vom 01.02.1966, der an die Stadt Groß-Umstadt gerichtet war, wollte Saint-Péray die Möglichkeit einer Verschwisterung mit Groß-Umstadt prüfen. Bei gegenseitigen Besuchen bereiteten die offiziellen Delegationen die Verschwisterung vor. Im Herbst 1966, im Rahmen der Weinfeste beider Städte, unterzeichneten die Bürgermeister G. Mollen, Conseiller Genoral und Bürgermeister von Saint-Péray und L. Wedel, Mitglied des hessischen Landtags und Bürgermeister von Groß-Umstadt, die Verschwisterungsdokumente. Beide würdigten den Sinn der Verschwisterung, indem sie den Auftrag und den Grundgedanken dieses Ereignisses hervorhoben.
Der Bürgermeister von Saint-Péray sagte (Auszug): „Unsere Jugendlichen sind entschlossen, Bande der Freundschaft zu knüpfen und eine loyale und brüderliche Zusammenarbeit in Szene zu setzen, da wir denken, dass es eine einzige Lösung für einen dauerhaften Frieden, eine Aufwärtsentwicklung und die Abschaffung des Chauvinismus, dem Grund des Streites, gibt, und das ist die Schaffung eines vereinten Europa. Wir gehören jetzt einer Union an. Dank unserer Freundschaft wollen wir unsere eigenen Fähigkeiten in diese Union einbringen. Damit wird ein neues Glied der die Völker verbindenden Kette zugefügt. Wir wünschen, dass unsere Arbeit in Aufrichtigkeit und gegenseitiger Treue fortgeführt wird. Wenn wir eine deutsche Stadt gewählt haben, so wollen wir ausdrücken, dass wir die Vorurteile in den Herzen unserer Völker verbannen wollen, die das Böse in der Vergangenheit entstehen ließen. Die Verschwisterung kann das Vertrauen nicht erzwingen. Aber sie kann den Weg bereiten, auf dem die Freundschaft gelingen kann. Wir werden uns bemühen, dies zu erreichen.“ Der Bürgermeister von Groß-Umstadt sagte (Auszug): „Unsere Verschwisterung muss ein Stein für die Schaffung eines vereinten Europa sein in Frieden und Freiheit und muss die Menschen unserer Städte in Freundschaft verbinden. Die Kraft der Versöhnung und das Schlimme, das wir gemeinsam erlebt haben, müssen uns zu einem Bund der Freundschaft zusammenschweißen und uns zum gegenseitigen Verständnis führen, das den Geist der Vergangenheit verändern wird und uns in eine Zukunft führen wird, wo die Respektierung des Menschen einen dauerhaften Frieden errichten wird. Unsere Jugend hat das Recht zu lernen, indem sie aus den Fehlern ihrer Vorfahren Schlüsse zieht, um ihrem Leben einen besseren Inhalt zu geben. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern. Das soll unser Leitspruch sein.“
Seit den Feierlichkeiten in Saint-Péray und Groß-Umstadt fühlen sich beide Städte in Freundschaft verbunden.